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Ein Schaf an der Leine

Erzählungen – mit Zeichnungen der Autorin, 2001

 

Geschichte der Geschichte
Diese häufig kurzen Erzähltexte entstanden über einen Zeitraum von ungefähr sechs Jahren während intensiver Theaterarbeit. Jeder für sich ist ein persönlich notwendiger Text – wie Atmen, wie um Weiterzuatmen trotz spannungsreicher, auch bedrückender und bedrohlicher Situationen, die hier zum Ausdruck gebracht werden. Es sind dichte, zugleich spielerische Texte, denn die Sprache öffnet im Pakt mit der Phantasie überraschende Blickwinkel und Lösungen, sie offenbart die poetisch-sentimentalen Seiten des Lebens und verkörpert Wahrheit und Sehnsucht jenseits unseres technologisch-informativen Weltbildes. Das Schaf, eins meiner ausgesprochenen Lieblingstiere, steht als so alltägliches wie mythologisches Tier Pate und taucht in einigen Passagen unmittelbar in Erscheinung.
Markus Manfred Jung hat das Manuskript lektoriert und mit mir gemeinsam die Auswahl getroffen.
Die Texte habe ich mit Tuschezeichnungen ergänzt.
 

Kurzbeschreibung
Bei einer Tombola wird ein kleines Schaf verlost. Die Gewinner wissen nichts mit ihm anzufangen. Es irrt durch die Welt, taucht unerwartet in den Geschichten auf, die das Schaf miteinander verbindet. Zwischen Realität und Phantasie führen uns seine Spuren zum Geheimnis unserer Existenz.
Da erwartet eine Frau in Gestalt eines Schafes ihren Geliebten, ein Herzkranker verirrt sich bei Sturm in eine Schafherde, ein ausgebrannter Schriftsteller verdingt sich mit erotischen Auftragsgeschichten, ein Kind wirft sich in den Tiefschnee und wartet darauf, ganz einzuschneien…
Ein Buch über Metamorphosen von Mensch und Tier, Gewalt und Sprache.
 

„Waren es meine Augen? Meine Locken? Waren es meine Beine? Mein nachgiebiger und doch kraftvoller Rücken? Mein tänzelnder Gang? Oder lag es daran, dass ich still hielt und plötzlich mit einer heftigen Bewegung antwortete, diese Mischung aus Gelassenheit und Erregung, dass er mir verfiel?
Noch nie war ein Mensch mir so nahe gekommen. Einer, der mich erst sachlich ansieht und berührt wie ein Arzt, und plötzlich kommt dieses Leuchten in seine Augen. Ich ging in die Knie. Er flüsterte mir ins Ohr.
Ruhig, ruhig.
Zum ersten Mal in meinem Leben hörte ich eine menschliche Stimme.
Mein Mädchen, sagte er, süßes, aufregendstes Geschöpf aller Geschöpfe, fragte, wie es käme, dass er mich erst jetzt entdeckte, beteuerte, mich zu begehren, mich zu brauchen. Du, sagte er immer wieder, Schöne mit den schweigsamen Augen, du verstehst mich.
Sagte er Göttliche?
Ein lang gezogenes, aus der Tiefe seines Körpers gestoßenes Ja beendete seinen Besuch.
In jener Nacht begann die Einsamkeit. Ich hätte so viel zu erzählen gehabt und konnte nicht. Darum wartete ich, bis die anderen schliefen. Wenn mich jetzt einer hören sollte, so hörte er mich im Schlaf. Den Traum, den er träumte, würde er morgen vergessen haben. Selbst wenn er sich am nächsten Tag an ihn erinnern sollte, so doch nur bruchstückhaft. Unwahrscheinlich, dass er die Reste seiner Erinnerung mit mir in Verbindung bringen würde. Doch wo sollte ich anfangen, vom Ungeheuerlichen zu berichten?“


Fritz’ Prosa schwebt assoziativ zwischen Tag und Traum, Realismus und Phantasterei, Beobachtung und Reflexion. Nichts steht fest, alles kann sich verwandeln – auch die Erzählinstanz, die einbegriffen ist in das Sprachspiel der Autorin, das sich souverän über alle Gesetze der Wahrscheinlichkeit hinwegsetzt. Ein starkes Debüt, das aufmerken lässt. Badische Zeitung

Bei aller Verspieltheit bewahrt sich die Autorin jedoch eine tiefe Ernsthaftigkeit. Meisterhaft versteht sie es, suggestiv zu erzählen, bei Lesungen zieht sie die Zuhörer mit ihrer tiefen, klangvollen Stimme in ihren Bann. Stuttgarter Zeitung

Romane in Pillenform: Wenn es diese Formel des Italieners Giorgio Manganelli nicht längst gäbe, müsste man sie erfinden. Denn die Geschichten von Susanne Fritz sind gebaut wie kleine Romane, und man kann sich vorstellen, wie diese ‚Pillen’ beim Lesen sprudeln und Wirkung zeigen. Mittelbadische Presse
 

„Ein Schaf an der Leine“ Erzählungen – mit Zeichnungen der Autorin
Drey Verlag Gutach 2001
153 Seiten, geb. mit Schutzumschlag, € 15.-
ISBN 3-933765-09-9